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Klirrende Kälte in Kiruna: Ein Trip ins schwedische Lappland!

Abenteuer Lappland: Kälte, Schnee und Eis auf unendlichen Weiten, erfrorene Fingerspitzen, Atem, der in kleinen Rauchwölkchen aufsteigt, Menschen in Fellstiefeln und Elche in freier Wildbahn. Ungefähr so waren meine Vorstellungen von Lappland, immer mit dem Bild von Einsamkeit und Dunkelheit vor Augen. Und genauso haben wir diesen kargen Landstrich im hohen Norden von Schweden erlebt – unglaublich, welche Magie vom Extremen ausgeht.

Am Freitag, den 27.11.09, starteten wir halb zwölf mittags mit einem Doppeldeckerbus (juhu!) zu unserer Tour. Die Ankunft in Kiruna, Schwedens nördlichste Stadt, war erst für den nächsten Tag acht Uhr geplant – also lagen 20 Stunden eng gedrängte Busfahrt vor uns. Die ging aber viel schneller vorbei, als erwartet; hatten doch die Schweden mittlerweile ihre Weihnachtsdekoration ausgepackt und ihre Häuser geschmückt, sodass Lichterbögen, Weihnachtssterne und Kerzenleuchter aus jedem Haus warm und einladend in die Nacht hineinleuchteten und ich mich kaum satt sehen konnte. Auf dem langen Weg nordwärts wurde die Besiedlung immer spärlicher und der Wald größer und dichter – hatte ich mir bisher manchmal Sorgen gemacht, ob durch die intensive Abholzung unserer Wälder dieser Rohstoff irgendwann zu Ende gehen könnte, kann ich nun ruhigen Gewissens sagen: nein! Schweden hat mehr als genug Wald : ) Schon gruselig, wie manche in kleinen Hütten tief im Wald versteckt leben können, als Fortbewegungsmittel nur ein eingefrorenes Auto neben dem Haus, aber Hauptsache Weihnachtsbeleuchtung in den Fenstern. Und die brannten die ganze Nacht durch, selbst um drei Uhr in der Frühe waren ganze Landstriche – insofern da mal mehr als fünf Häuser standen – erleuchtet.

Bei unserer Ankunft lag Kiruna in einer Art Märchenschlaf, da es noch relativ dunkel war. Ich muss hier aber gleich mal festhalten, dass die Dunkelheit gar nicht so schlimm und bedrückend ist, wie man sich das immer vorstellt: es ist eine ganz andere Finsternis dort oben. Selbst wenn die Sonne nicht lange am Himmel weilt, dauert die Dämmerung viel länger an, und durch die Helligkeit der reflektierten Schneemassen scheint der Nachthimmel in einem tiefdunklen Blau zu verharren, bevor er irgendwann zu Schwarz übergeht. Dazu noch die ewig leuchtenden Weihnachtslichter… ohne die Kiruna zugegebenermaßen ziemlich hässlich gewesen wäre. Die noch relativ junge Stadt (1900 gegründet, erst 1948 zur Stadt erhoben) hat ihre Daseinsberechtigung nur durch die große Eisenerzmine (die größte der Welt!) und ist dementsprechend zweckmäßig gebaut. Untypisch für Schweden sind die riesigen, hässlichen Hochhäuser und Plattenbauten; außerdem muss das Stadtzentrum alle paar Jahre versetzt werden, da in Richtung Stadtmitte abgebaut wird und der Untergrund durch den Abbau rissig und einsturzgefährdet ist. Zitat unseres Reiseführers: „Wenn ihr in fünf bis zehn Jahren noch mal herkommt, sieht Kiruna nicht mehr so aus, wie ihr es kennengelernt habt.“ Ahja.

 

Samstagmorgen also erstmal ein Rundgang durch Kiruna, begeistert zumindest von den Schneemassen und den Temperaturen, die bis dahin noch human bei -11° Grad lagen. Auch, wenn man den Ausdruck „die Bäume biegen sich unter den Schneemassen“ häufiger benutzt, weiß ich seit Lappland, woher er kommt. Am Nachmittag gab es dann das erste Highlight: Hundeschlitten- und Schneemobilfahren! Unsere Kleidungsschichten waren spektakulär: dicke Strumpfhose, eine feste Jeans darüber, dann die Skihose und natürlich mit mehreren Socken in dicke Winterboots gepackt. Oben ein T-Shirt, Longsleeve, Rollkragenpullover, darüber die Fleece-Jacke und dann der Wintermantel… das Michelin-Männchen ist jedenfalls nichts dagegen! Trotzdem musste man ständig in Bewegung bleiben, um nicht zu frieren; sobald die Fingerspitzen einfrieren, breitet sich die Kälte auf den ganzen Körper aus. Angekommen am Ort des Geschehens mussten wir uns zudem noch in einen Ganzkörperoverall packen, was im Nachhinein vollkommen richtig war: mit dem Fahrtwind des Schneemobils im Gesicht war es nur dadurch auszuhalten. Kurz vor der Abfahrt mit den Mobilen wurde uns dann noch nebenbei gesagt, dass es uns 300 Euro Selbstbeteiligung kosten würde, das Ding kaputt zu machen oder gegen einen Baum zu setzen. Wie beruhigend, dass das erst ein Mädchen unserer Gruppe ein paar Stunden zuvor geschafft hatte! Die meiste Zeit ging es mit dem kleinen Flitzer, den wir leider viel zu langsam fahren durften, über ein weites, hügeliges Feld, ein Spaß sondersgleichen! Vor allem, wenn man in den Kurven anfängt zu driften und die Lenkung blockiert. Tja, durch den angestiegenen Adrenalinspiegel war mir dann zumindest verdammt warm… mitten in der Tour wurde gewechselt auf den Hundeschlitten, nachdem wir uns in einem Zelt kurz aufwärmen durften und auf einer Feuerstelle gekochten Kaffee (ganz wichtig für die Schweden: Fika), Tee und selbstgebackenen Kuchen bekamen. Die Hundeschlittenfahrt wurde zum unvergesslichen Erlebnis: acht oder zehn Hunde waren in Paaren vor unserem mit Fell bezogenen Schlitten gespannt, auf dem wir zu viert dicht gedrängt saßen. Ihr aufgeregtes Gekläff und Gebell verstummte in dem Moment, als der Hundeführer das „Ho!“ zum Aufbruch gab, und in völliger Stille wurde man durch das tiefverschneite Feld gezogen, umgeben von Dunkelheit, der in der Ferne orange leuchtenden Mine, dicken Schneelasten, frostgezuckerten Bäumen. Unser Hundeschlittenführer stimmte sogar noch eine alte, finnische Volksweise an, während wir, mit unseren Gesichtern tief im Schal verhüllt, andächtig lauschten. Väterchen Frost pur! Plötzlich weiß man, warum die Melodien aus dem hohen Norden, im kalten Niemandsland, so melancholisch und langsam klingen, so voll von Einsamkeit, Sehnsucht und Trauer. Um die zu vertreiben, sangen wir anschließend noch ein paar Weihnachtslieder, denn der alte Schwede wünschte sich verblüffenderweise „Stille Nacht, Heilige Nacht“, sein Lieblingslied.

 

Am nächsten Tag ging es früh raus, um Kirunas Eisenerzmine in einer Privatführung mit dem „Mushroom Man“ zu besichtigen. So genannt, weil der ehemalige Bergarbeiter dort unten in der konstanten Temperatur der Mine nun „Shii-Take“-Pilze züchtet. Die ‚durften’ wir verkosten, morgens um halb elf, nachdem er sie von einem verrottet aussehenden Baumstamm abgeschnitten hatte. Aber man will ja nicht unhöflich sein…

Als er uns elf Uhr am Wahrzeichen Kirunas, der wunderschönen fuchsroten Holzkirche, wieder absetzte, bahnten sich gerade die ersten Strahlen der Morgensonne ihren Weg über das felsige Gebirge, das die Stadt umgibt. Die ungewöhnlich erbaute Kirche ist eine der schnörkellosesten, aber schönsten Kirchen, die ich je gesehen habe; zu Recht wurde sie 2001 zum schönsten Gebäude Schwedens gekürt. Drinnen fand gerade ein Adventsgottesdienst statt, an dem wir der Weihnachtsstimmung wegen auch teilnahmen (und um den Innenraum danach fotografieren zu können). Schock beim Ende halb zwölf: die Sonne war schon wieder weg! Super! Da hat man schon nur so kurz Sonnenlicht und verpasst das, weil man brav in der Kirche sitzt. Man fühlt sich also bereits mittags so, als sei der Tag vorüber. Wir haben das Beste daraus gemacht und uns Arschrutscher gekauft, mit denen wir durch die nach drei Uhr bereits halb ausgestorbene Stadt geschlittert sind. Auf einem Spielplatz, auf dem wir uns an brennenden Körben aufwärmen konnten, verteilten einige liebe Menschen kostenlos heiß dampfende Becher mit Glögg (schwedischen Glühwein) und Pepparkakor (Pfefferkuchen). Abends war endlich Sauna angesagt: da unser Hostel sehr klein war, mussten wir diese erstmal hinter einem Waschraum und einer Rumpelkammer versteckt finden. Andere würden die Sauna Abstellraum nennen, mit zwei kleinen, abgeschabten Holzbänken und einem Mini-Ofen. Da wir uns aber zu sechst reinquetschten, wurde es auch so sehr warm : ) Nun ja, und dann ist man ja nicht umsonst in Schweden, wenn man nicht irrekalte Erfahrungen macht. Also ab durch die Waschküche, die Rumpelkammer, hoch die Treppe, durch die Rezeption und REIN IN DEN SCHNEE!!! Wooohuuu, war das ein Spaß. Zu Beginn spürt man die Kälte gar nicht, dann folgt die klirrendkalte Schneedusche und beim Reinlaufen denkt man, man ist von allen guten Geistern verlassen… Aber Kreischen hilft.

 

Am Montagmorgen ging es auf zum kältesten Punkt unserer Reise: eine Rentierfarm, geführt von einer Sami-Familie (die schwedischen Inuits). Auf dem Weg dorthin gab es große Aufregung im Bus, als wir tatsächlich Elche und Rentiere in freier Wildbahn über das Feld und in den Wald hoppeln sahen; einige Rentiere liefen sogar ein Stück neben dem Bus her! Juhu, endlich was erlebt, was vermutlich noch nicht mal viele Schweden gesehen haben. Auf der Farm erwartete uns dann unbarmherzige Kälte, -23 Grad, gefühlt wie -28 Grad oder noch viel kälter. Unser Atem gefror sofort im Schal und setzte sich in kleinen Eiskristallen ins Haar, die Wimpern wurden von Reif bedeckt und die Brillenträger hatten mit zugefrorenen Gläsern zu kämpfen. Einem Mädchen ist sogar die Haut am Oberschenkel etwas aufgeplatzt, als sie die Hose zwecks Pinkeln herunterziehen musste… dramatisch! : ) Habe die Kälte besonders gespürt, als ich meine Hand aus dem Handschuh ziehen musste, um bessere Fotos machen zu können, und sie beim Aufwärmen so weh tat, dass sich der Schmerz durch den ganzen Arm in die Brust zog. Da kommen einem schon Gedanken wie: Ab wann frieren eigentlich Finger und Fußzehen ab? Merkt man, wie Frostbeulen entstehen? Beunruhigenderweise warnte uns der kleine alte Sami-Mann noch, sollten wir weiße Flecken im Gesicht unserer Freunde entdecken, diese auf keinen Fall wegzuwischen, da wir sofort die Haut mit abreißen würden. Sein Tipp: langsam wieder „aufwärmen“, in dem man die Stelle mit Schnee bedeckt, dann mit Rentierfell weiter aufwärmt und dann erst mit der Hand berührt (vorher mit der Hand aufwärmen wäre zu schnell zu warm und würde ebenfalls einreißen). Waaaah! Über so was will ich gar nicht nachdenken!!! Sind dementsprechend die ganze Zeit herumgehüpft und haben Rennspiele im Schnee gespielt, bevor wir tatsächlich in das Gehege der knuffig weichen Rentiere gelassen wurden. Sie haben uns dank Futter sogar aus der Hand gefressen : ) mit einem Mal tätschelt man Santa’s Little Helpers auf ihr dick gepolstertes Fell und fühlt ihren malmenden Kiefer auf der Handfläche. Nennt mich ein typisches Mädchen, aber das war sooooo berührend und süß! Anschließend durften wir uns im Sami-Zelt aufwärmen, in dem ein prasselndes Feuer wartete, und eine alte Frau uns über ihre alten, indianischen Traditionen erzählte. Nachdem wir die Rentiere also netterweise vorher kennengelernt hatten, durften wir sie jetzt essen, ähem: Sandwich mit hauchdünnem Rentierschinken und Rentier-Brühe (die ziemlich nach Hammel roch, würg, aber was macht man nicht alles, wenn man fast erfriert und dringend was Warmes braucht… ; ). Der Schinken war übrigens superlecker, weich, würzig und hauchzart.

Nachmittags sollte unsere Busreise eigentlich noch nach Narvik, etwas weiter nördlich schon innerhalb der norwegischen Grenze, führen, um dort die Fjorde zu besichtigen. Da es aber Richtung Meer immer „wärmer wurde“ (d.h., -13 statt -23 Grad), wurden die Straßen extrem rutschig und der Bus begann zu schlingern. Aktion zu gefährlich, daher abgebrochen : (

 

Dafür sollte uns am Abend noch ein tolles Highlight erwarten: die „Arctic Sauna“, sprich Schwitzen in der Holzhütte und anschließendes Baden im Eissee!!! Wir waren alle ziemlich aufgeregt vorher, aber es war gigantisch. Die Holzsauna war trotz vier Stunden leider nur auf etwa 60 Grad aufgeheizt, sodass man sich fast anstrengen musste, ins Schwitzen zu kommen. Magenkribbeln, schwitzige Hände, und dann: kreischend herunterrennen auf der klirrend kalt gefrorenen Wiese, entlang der aufgestellten Kerzen, rein in den See, der bei 3°Grad schon eine dünne, zerbrechliche Eisschicht aufgezogen hatte. Das Beste in solchen Momenten: Kopf ausschalten, nicht drüber nachdenken, einfach rein, rein, rein!!! Untertauchen, prustend wieder hoch, und wild mit den Armen rudernd (natürlich immer noch kreischend) wieder rein in die Wärme. Das ganze zweimal, schließlich wird man irgendwann mutiger und man ist ja auch nicht alle Tage in Lappland : )

 

Der Weg zurück war ebenso unbeschreiblich: Die sich hoch auftürmenden, schneebedeckten Gipfel, der unbewegliche, dunkelblaue Eissee, die dick eingeschneiten Bäume mit ihren dürren Ästchen, und über allem der buttergelbe, selbstzufriedene Vollmond. Wir mussten unterwegs stehen bleiben und uns erstmal bewusst machen, auf welchem Punkt auf der Landkarte wir uns gerade befinden. So weit oben! Eindrucksvoll ist gar kein Ausdruck. WAHNSINN!

Am Dienstagmorgen ging es dann zurück, unterwegs nur noch kurz mit einem Stopp am berühmten Eishotel verbunden. Dies war allerdings aufgrund des späten Wintereinzugs in Schweden noch nicht fertiggestellt und deswegen nur von außen zu betrachten, sehr enttäuschend. Hätte doch gerne mal wenigstens die Rezeption gesehen oder Glögg von aus Eis geschliffenen Gläsern an der Eisblockbar getrunken… Aber nichtsdestotrotz waren es wundervolle fünf Tage mit vielen Erlebnissen, Eindrücken und unvergesslichen, eiskalten Momenten. Genau das wollten wir doch: wiederkommen und sagen, dass wir so eine Kälte noch nie erlebt haben, dass selbst fünf Schichten Klamotten am Körper nicht ausreichen, ihn gegen Frieren zu schützen, von zugefrorenen Brillen und eingerissener Haut erzählen. Allerdings mag ich nicht daran denken, dass dies erst der Anfang der Kälte in Kiruna und dem umliegenden Lappland war… : )

Bilder könnt ihr sowohl unter studivz als auch facebook sehen. Alles in allem ein großartiger Trip, auch, wenn man sich mitten im Nirgendwo, in karger Landschaft und frostiger Stille befindet: das müsst ihr gesehen haben!!!

9.12.09 12:39

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